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VagabundInnen Landtag mit Performances und Lesungen vor dem Hintergrund des Werks Gusto Gräsers

Freitag, 22. Juni, 16 – 20 Uhr

Mit einer Performance von Jonas Beutlhauser und Elena Carr (Wien, München) mit Kindern und Jugendlichen des Fahrenden Raums, einem Gastbeitrag von Brigitte Fingerle-Trischler (Leiterin des Mohr-Villa Stadtteilarchiv Freimanns), einer performativen Präsentation und Lesung einer Flugschrift Gusto Gräsers von Maximiliane Baumgartner.
Lob ans Lob, Text und Bänkelgesang von Laura Ziegler, Stephan Janitzky, Drehorgelbegleitung von Edith Sahrhage.

In Kooperation mit dem Mohr-Villa Stadtteilarchiv Freimann.

Programm

17 Uhr, VERLEGENE ANEKDOTEN, Performance von Elena Carr und Jonas Beutlhauser

Gusto Gräser ging in die Ferne um sich verlegen zu lassen. Er wollte seine Gedichte unter dem Titel „Wortfeuerzeug“ herausbringen. Verleger aber fand er allein in den örtlichen Behörden, die ihn immer wieder außer Landes verschoben. Diese ordnende und strikte Fernbehandlung aller „Machtmeister“ empfand er als Misshandlung. Dagegen richtete sich seine Sprache direkt an sein Gegenüber. Für den Austausch war er bereit weite Wege zu gehen. Auch Elena Carrs und Jonas Beutlhausers skulpturale Arbeiten richten sich direkt an die BetrachterInnen. In Interaktion von Objekt und körperlicher Geste widmen sie sich der Anekdote, als „nicht verlegter“, direkter und mündlicher Form der Sprache. Beim Landtag werden auf der Wiese historische Anekdoten und Bilder aus dem eigenen Alltag aufeinandertreffen.

18 Uhr, Gastbeitrag von Brigitte Fingerle-Trischler (Leiterin des Mohr-Villa Stadtteilarchiv Freimanns)

18.30 Uhr, Fern Ratioratz samt ihrer Hatz…aus Schlappschlaraffenpein, oh Tanz im Luxusglanz!

Performative Präsentation und Lesung einer Flugschrift Gusto Gräsers von Maximiliane Baumgartner. Anlässlich der Abschlussveranstaltung des Aktionsraum VagabundInnen Treff wird eine Flugschrift Gusto Gräsers aus dem Mohr-Villa Stadtteil Archiv Freimann als Faksimile mit einer performativen Lesung von Maximiliane Baumgartner gezeigt. Die Schrift, die Gräser vom Münchner Rathausturm fliegen ließ, wird zum ersten Mal seit 1945 wieder öffentlich gezeigt.

19 Uhr, Lob ans Lob
Text und Bänkelgesang von Laura Ziegler, Stephan Janitzky, Drehorgelbegleitung von Edith Sahrhage.

„Die ihr hier mit finstren Augenbrauen seht, heißt Eigenliebe. Dort steht die Schmeichelei sozusagen mit verzückten Augen und mit den Händen Beifall klatschend. Vergesssen nennt man, die hier fast im Stehen schläft. Trägheit stützt sich mit verschränkten Händen auf beide Ellebogen. Mit Rosen bekränzt und duftend vor Salben, seht ihr das Vergnügen, und jene mit dem unsteten Blick ist der Wahnsinn. Ergötzen nennt man die andere mit der glänzenden Haut und dem geschmackvolllen Mantel… gleichfalls zwei Götterkanben unter den Mddchen von denen einer Ausgelasenheit und der Siebenschläfer heißt.“ (aus: Lob der Thorheit, Erasmus von Rotterdam, 1504)


Künstler, Dichter, Tänzer, Bohemien, Fahrender Vagabund, Naturverehrer, Pazifist sowie Mitbegründer der Künstler*innenkommune Monte Verità in den Schweizer Alpen – Gusto Gräser (1879- 1958) verbrachte wichtige Abschnitte seines Lebens in München. So lebte er die letzten sechzehn Jahre seines Lebens im Stadtteil Freimann und schuf dort ein umfangreiches Werk. Für den Fahrenden Raum ist er Pate des Performativen Gusto Gräser Kinder-Archivs, in dem Kinder und Jugendliche mit Künstler*innen vor Ort seine Schriften performativ befragen und neu interpretieren.

 

In seinen Schriften, Reden und Tänzen, selbst-vertriebenen Kunstkarten, Gedichten, Zeichnungen und Textbildern, die in ihrer Wortdichte die politischen und alltäglichen Verhältnisse seiner Zeit poetisch – aber doch scharfsinnig – beleuchten, widmete er sich in seiner Münchner Zeit all den „Armutigen und Klugverlogenen, der „Thorheiterkeit“ gegen eine „Zuvielisation“, denn so Gräser: „Üppigkeit und Übel stecken in einem Kübel“! In seiner Lebensweise war er ein Fahrender und lehnte jegliche Form von Staatsbürgerschaft und staatlicher Zuschreibung und Zwang, aber auch materiellem Besitz ab und strebte zu einem naturnahen Leben, nicht zuletzt in der Gartenstadt Freimann. Als artist`s artist bilden seine Arbeiten zugleich wichtige Zeitzeugnisse, nicht nur im Lichte der Schwabinger Boheme und dem künstlerischen, politischen Treiben rund um die Münchner Räterepublik, sondern auch im Echo anderer Künstler*innen und Schreiber*innen seiner Zeit: So lässt ihn z.B. Hermann Hesse in seinem Roman «Demian» auftreten, oder auch Ernst Moritz Engert in seinen Schattenrissen.